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Volkstrauertag 2025

Gottesdienst und Kranzniederlegung

Liebe Kästorfer und Kästorferinnen,


gerade in diesen Tagen wird uns bewusst, dass Frieden und Freiheit die Grundlagen jeder menschenwürdigen Existenz sind.

Ich danke Euch, dass ihr heute hier seid, damit wir gemeinsam an diesem Volkstrauertag den vielen Kindern, Frauen und Männern gedenken können, die zu Opfern von Krieg und Gewalt geworden sind.

Viele Menschen mussten im Ersten und im Zweiten Weltkrieg viel zu jung sterben, weil Frieden und Freiheit nichts mehr wert waren.

Die beiden Weltkriege sind und bleiben die schlimmsten Zeiten unserer Geschichte, die miteinander verbunden sind. Daran erinnert uns in jedem Jahr zwei Wochen vor dem ersten Adventssonntag eines Jahres der Volkstrauertag. Auch der Volkstrauertag lindert den Schmerz, aber er heilt nicht alle Wunden. Er gibt Orientierung.

Die Erinnerung bietet Trost an. Doch löst sie wichtige Fragen aus, deren Antworten zu Haltungen werden müssen.

Und deshalb brauchen wir den Volkstrauertag.

Wie konnte das alles geschehen? Was können wir für Frieden und Freiheit tun? Der Volkstrauertag ist der Tag für unsere Fragen, denen wir uns gemeinsam stellen müssen. Der Volkstrauertag ist ein staatlicher Feiertag. Er ist ein Tag, an dem wir gemeinsam zurückblicken, um nach vorn schauen zu können. Deshalb bin ich dankbar dafür, dass wir uns hier und heute versammelt haben. Wir müssen uns mit dem Blick in die Vergangenheit jederzeit fragen können:

Tun wir genug, und tun wir vor allem das Richtige, um Krieg, Gewalt und Terror heute und künftig zu verhindern?

Erkennen wir tatsächlich rechtzeitig, ob sich irgendwo neue Konflikte anbahnen, und wählen wir immer den  richtigen Weg, um so schnell wie möglich wieder Frieden und Freiheit herzustellen, den die Welt braucht?

Wir müssen zugeben, dass die Weltgemeinschaft oftmals wegschaut, solange es keine breite Öffentlichkeit gibt, die aufgewühlt fragt: Weshalb greift keiner ein? Dauern politische Diskussionen auf der Weltbühne nicht zu lange, gibt es nicht zu viele verschiedene Interessen, die aufeinanderprallen, während Menschen ohne Hilfe sterben müssen?

Frieden und Freiheit braucht jedes Wesen auf der Welt. Wir tragen deshalb grundsätzlich Verantwortung in uns, auch wenn wir nicht überall helfen können.

Was uns dabei bewegt, darf niemals distanziert sein. Die unmenschlichste Frage ist die: Was geht mich das an? Das eigene Verbot dieser Frage in sich selbst gilt nicht nur für internationale Konflikte, sondern auch für das Miteinander in Gemeinden und Städten.

Viele Auseinandersetzungen sind unnötig und mit gesundem Menschenverstand nicht mehr erklärbar. Im Kleinen erkennen wir das Große, das Wichtige für uns selbst.

Deshalb ist es wichtig, immer an die Einzelnen zu denken, an die, die gelitten haben, weil der Volkstrauertag von dort aus denkt.

Mütter warteten im Ersten und Zweiten Weltkrieg und oftmals zwischen und nach diesen schrecklichen Zeiten voller Hoffnung noch lange Jahre auf die erlösenden Nachricht, dass ihre Ehemänner und Sohne heimkämen, dass Wunder geschähen, die ausblieben. Aber es gab sie auch, selten, aber es gab sie.

Was den Allermeisten blieb, waren letzte Briefe von den Fronten, aus den unvorstellbar grausamen Lagern und kalten Gefängnissen, geschrieben in dunklen Nächten von den Opfern – voller Liebe denen gegenüber, die warten sollten. Es werde alles gut, und es wurde nichts gut, bis heute nicht.

Wer nie einen Krieg erlebt hat, besitzt keine Vorstellung davon wie es ist, wenn jede Nacht die Sirenen heulen, Raketen, Drohnen im eigenen oder im Nachbarhaus einschlagen und jeden Tag Menschen, ob Verwandt, Bekannt oder Fremd, sterben. Wer es nie erlebt hat kann es sich nicht vorstellen. Weil, es ist nicht vorstellbar und trotzdem gibt es bei uns Mitbürger und Mitbürgerinnen, die mit Putin sympathisieren.

Wir sind mündig geworden, weil wir die Welt in Echtzeit erleben, wir Gräueltaten sehen, über sie lesen und von ihnen hören, Berichte und Meinungen unterscheiden können.

Wer auf diese Weise klug sein will, ist reichlich dumm. Wer zum Beispiel von der „Lügenpresse“ spricht, von der Gleichschaltung der Medien wie einst bei den Nationalsozialisten, hat nichts aber auch gar nichts von der Dimension der Unmenschlichkeit verstanden.

In solch einer Welt wollen wir nicht leben. Die gab es in der Nazizeit. Und es gab Menschen, die diesen Unsinn und diese Unmenschlichkeit geglaubt und erlaubt haben. Aus dem Rinnsal wurde ein Fluss, der Opfer gemacht hat.

Wir müssen unsere Friedenshaltung unbedingt an unsere Kinder weitergeben, und die wiederum an deren Mädchen und Jungen, unsere Enkel und deren Kinder.

Wir erinnern uns an Zahlen, die uns wegen ihrer Dimensionen erschaudern lassen: Der Erste Weltkrieg forderte weltweit 17 Millionen, der Zweite Weltkrieg mit seinen Kriegsfolgen vermutlich 80 Millionen Menschenleben. Die Schilderung eines einzigen Opfers kann uns mehr rühren als eine Zahl.

Wir nehmen uns keine Zeit mehr, sprechen schlicht vom KZ statt vom Konzentrationslager wie von einem Auto - Kennzeichen, unterscheiden mit unterschiedlichen Gefühlen Opfergruppen, obwohl das ganz und gar unzulässig sein muss, weil jeder Verwundete und Tote einen Vater, eine Mutter hatte, etwas, woran er sich festhalten konnte, seinen Glauben, seine politische Orientierung als Gegner von Regimen oder schlicht gegenüber einem anderen Menschen, mit dem es eine tiefe persönliche Verbundenheit gab.

Der Sympathisant wurde deportiert und der Freund eines Freundes erschlagen, vergast oder verbrannt.

Die Antwort lautet „Ja“ zum Volkstrauertag, weil wir als Menschen leider in der Lage sind, vergessen zu können, was uns angetan wurde und was wir als Deutsche angerichtet haben.

Dahinter steht stets unser gemeinsames und tiefe Bedürfnis, endlich und für immer in Frieden leben zu dürfen, und wir haben in Westdeutschland seit 1945 Glück gehabt, nicht wieder in Diktaturen gelebt zu haben. In der DDR war das bis 1989 anders. Auch das dürfen wir als Kriegsfolge nicht vergessen.

Auch jetzt, während wir uns zu einer stillen Stunde des Innehaltens, der Trauer und des Erinnerns versammelt haben, kämpfen woanders Menschen um ihr Leben oder sind in ihrer Freiheit bedroht, ob in der Ukraine oder irgendwo in den Weiten Afrikas. Die Frage nach Krieg und Frieden ist aktuell geblieben, und der Krieg und alle Konflikte dieser Welt, werden uns jeden Abend frei Haus nicht nur mit der „Tagesschau“ ins Wohnzimmer geliefert.

Flüchtlingsströme aus aller Welt sind unterwegs und machen deutlich: Frieden gibt es noch lange nicht.

Wir sind gefordert und überfordert. Die Erinnerung und das Mitgefühl dürfen deshalb nicht ausgelöscht werden, weil alles andere der Rückzug in die Bequemlichkeit wäre.

Uns führt heute die Trauer zusammen, verbunden mit dem Bestreben, die Opfer vor dem Vergessen zu bewahren – und uns selbst, um unsere Zukunft zu sichern. Wenn niemand mehr an die Opfer denkt, sind sie endgültig tot und wir könnten selbst zu welchen werden.

Der Volkstrauertag fragt danach, welche Schlüsse sich aus der Vergangenheit ziehen lassen. Er fragt auch nach, wo wir heute stehen und welche Werte uns lebenswichtig sind.

Fast alle aktuellen Konflikte und Gewaltausbrüche unserer Zeit tragen sich in Ländern und Regionen zu, die weit entfernt von uns liegen.

Aber, wir sind längst betroffen.

Was immer das nun für uns persönlich in unserer kleinen, großen Welt in diesen Wochen, Monaten oder Jahren bedeuten mag: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Grund haben, uns große Sorgen zu machen.

Wir werden uns schließlich selbst daran messen lassen müssen, was wir verhindern wollten und verhindern konnten: hier und andernorts.

Und wir werden uns vor uns selbst und gegenüber unseren Nachfahren rechtfertigen müssen, ob wir das Elend Anderer wenigstens verstanden haben, um es zu lindern oder zu beseitigen.

Der Volkstrauertag schafft mit seiner Erinnerungskultur die Grundlage fürs Verständnis, für Scham und das tiefe Gefühl, durch Achtsamkeit und Umsicht sühnen zu dürfen.

Das Verständnis, das wir uns selbst schaffen und immer wieder erneuen, ist der Weg in unsere friedvolle und freie Zukunft.

 

Liebe Kästorfer und Kästorferinnen,

bitte seit und bleibt optimistisch, lasst uns Lebensbejahend bleiben und vor allem, wenn ihr morgens aufsteht, zählt doch mal die schönen Dinge auf, die es hier in unserem Deutschland und selbstverständlich in Kästorf gibt. Denn Zuversicht und Menschlichkeit ist wichtig für die Seele, hält Gesund und das wünsche ich euch Allen von ganzen Herzen.

 

Jürgen Völke

Ortsbürgermeister