850 Jahre Kästorf

(von Werner Ulmcke und Günter Düsterhöft)

Die Ursprünge von "Kettesdorf" (1152-1600)

850 Jahre Kästorf sind belegt durch die erste urkundliche Erwähnung des Dorfes Kettesdorp, dessen Name sich im Laufe der Jahrhunderte in Kästorf veränderte. – Die Gründung der Ursiedlung schätzt man um 800 n. Chr., der Name bedeutet „Siedlung oder Hof“ des „Keto/Kedi/ Cattio“. – Eine Urkunde in lateinischer Schrift aus dem Jahre 1152 wurde zur Zeit Heinrichs des Löwen gefertigt und beinhaltet die Gründung des Mannesklosters Bokla (Neubokel) durch Liemar, einen Lehnsherren Heinrichs des Löwen, die Beschenkung des Klosters mit den Dörfern Bokla, Wilschete, Kettesdorp und Ketelingen (Wüstung), sowie deren Abgaben (Zehnten) an das Kloster. Im Laufe der nächsten drei Jahrhunderte wechselten Gifhorn und auch unsere dörfl iche Ansiedlung, geschätzt zehn Hofstellen mit ca. 100 Bewohnern, mehrmals ihre Zugehörigkeit zu Herzog- und Fürstentümern der Welfenlinie.

Von Kettesdorp über Ketesdorpe und Kestorp veränderte sich die damalige Schreibweise. Ende des 15. Jh. wurde aus der schon früher erwähnten Grafschaft „Gifhorne“ eine Hausvogtei Gifhorn, die ab 1520 nicht mehr verpfändet war. Vor und nach der Regentschaft des Herzog Franz (1539 – 1549), einem Bruder von Herzog Ernst dem Bekenner, verwalteten königliche Beamte die Hausvogtei, erweiterten sie und schufen das Amt Gifhorn. Der nördliche Teil, zu dem Kestorp gehörte, war die Heidmark. Im Amt Gifhorn wurde die Obrige Ordnung neu geregelt. Festgelegt wurde die Zuständigkeit der Gerichte, die Abgaben und Zölle, sowie Verordnungen für Jagd, Fischerei und Gehölze. Dazu gehörte auch die geregelte Nutzung von gemeinsamen Acker- und Weidefl ächen, die weit um die Dörfer verstreut lagen.


Eine einfache Gemeindeverwaltung entsteht (1600-1750)

Den 30jährigen Krieg musste Kestorp unter schwersten, wechselvollen Belastungen erleben. Brandschatzung, Plünderei, Raub und Totschlag, Versorgung der wechselnden Besatzungstruppen, hohe Abgaben und Arbeitsleistungen für die Kriegsherren. Dabei war die Bevölkerung kaum in der Lage sich selbst zu ernähren. Nach dem langen Krieg grassierten Seuchen für Mensch und Tier. Sie forderten viele Opfer und erst nach Jahrzehnten entwickelte sich allmählich wieder ein normaler Handels- und Reiseverkehr. Jetzt entstand eine einfache Gemeindeverwaltung mit Weisungen und Verordnungen. Wichtig war die Kontrolle über die eingeschränkte Nutzung der Acker- und Weideflächen, sowie das Schlagen von Nutz- und Brennholz. Hier gab es oft Streitigkeiten mit Gamsen und Wilsche. In diese Zeit des einfachen Verwaltungsaufbaus fiel auch die Schaffung einer Brandversicherungs-Genossenschaft zur Linderung der größten Not nach dem Verlust von Wohnungen oder Gebäuden. Haus- und Hofbesitzer mussten sich versichern. Sehr aufschlussreich ist die Registrierung der Kestorper Gebäude mit Brandkassennummern nebst Taxwert in der Kästorfer Chronik.

Registrierung der Kestorper Gebäude
Registrierung der Kestorper Gebäude

In Celle wurde eine Landwirtschafts-Gesellschaft gegründet, die Methoden zur Verbesserung von Erträgen bei Ackerbau und Viehzucht erforschte und erarbeitete. So wurde der Anbau einer neuen Frucht, die Kartoffel, durch Erlass der Abgaben gefördert. Diese Frucht konnte in verschiedenster Art für Mensch und Tier verwendet werden. Eine Revolution und ein Segen für die Menschen war dieses neue Volksnahrungsmittel, dass sich langsam durchsetzte.


Neue Einteilung der Gemarkungen (1750-1800)

Der 7jährige Krieg Mitte des 18. Jahrhunderts brachte für unsere Kästorfer Vorfahren abermals große Entbehrungen. Betroffen war besonders die Landwirtschaft. Die Versorgung von stetig wechselnden Besatzern musste unter Zwang gewährleistet werden, außerdem entstanden große materielle Verluste für die Bevölkerung im gesamten Amt Gifhorn. Im Vergleich zum 30jährigen Krieg wurden aber keine Höfe oder Dörfer verwüstet.

Die Erholung für das Land ging nach dem Krieg nur langsam voran, trotzdem wurden neue Reformen angepackt, wie die Teilung der Gemeinheiten. Fünfzig Jahre dauerte diese neue Einteilung der Gemarkungen, zuerst in der Form der Generalteilung zwischen den einzelnen Ortschaften, dann in der Spezialteilung innerhalb der Dörfer. Verträge regelten letztlich die Zuweisung von zusammenhängenden Flächen, der Äcker und Wiesen. Eine weitere grundlegende Erleichterung für die Bauern, deren Felder oft weit zerstreut lagen. Gefördert wurde nun auch der Anbau von Flachs und Hanf zur Versorgung mit Textilien und Öl. Doch setzte sich dies wegen der sandigen Böden nur wenig durch, dem Kornanbau wurde immer noch der Vorzug gegeben. Neben der Landwirtschaft betrieb man die Bienenzucht. Die Heidelandschaft ermöglichte saisonabhängige Erträge von Honig und Wachs. Von großer Bedeutung war die Viehhaltung. In der Zugtierhaltung wichen mit der Zeit die Ochsen den Pferden.

Die Milchtierhaltung diente der Versorgung mit Milch und Milchprodukten. Schafwolle, von der genügsamen Heidschnucke, wurde selbst verarbeitet oder verkauft. Zur Selbstversorgung diente hauptsächlich die Schweinehaltung, aber auch der Verkauf von überzähligen Schweinen und Ferkeln war lohnend.

Der Masthoop in Kästorf diente mit seinem Eichenbestand als Mast-Freigehege, auch für Enten und Gänse.

Zum Ende des 18. Jh. bekamen Handel und Verkehr eine immer größere Bedeutung. Die Bevölkerungszahl Kästorfs steigt auf 165 und es werden auf der Kurhannoverschen Karte 22 Feuerstellen ausgewiesen. Es gab noch keine Eisenbahn und nur eine unwesentliche Verkehrsnutzung von Aller und Ise. Auf den alten Handelswegen, in der Kästorfer Region die Nord- /Südstrecke von Braunschweig nach Hamburg, spielte sich der ganze Post-, Güter- und Personentransport ab. Straßen im heutigen Sinne waren es nicht, sondern tiefspurige Fahrwege, die bei nasser Witterung kaum befahren werden konnten. So bildeten sich viele Ausweichwege und Nebenstrecken durch die Heidmark. Trotz verschiedener, örtlicher Verbesserungen und laufender Ausbesserungen waren die Fernstraßen immer noch weitgehend in einem schlechten Zustand. Eine Kurfürstliche Order von 1793 verfügte den Ausbau von Braunschweig nach Lüneburg. Bei der Streckenführung folgte man innerhalb der Ortschaften der alten Poststraße und zwischen den Ortschaften wurden streckenweise neue Trassen festgelegt. Die Bauarbeiten verschlangen tausende von Reichstalern. Doch weil die Pfl asterung nördlich von Gifhorn fehlte, mussten in den Folgejahren für die ständigen Ausbesserungen der Straße von den Bewohnern der anliegenden Ortschaften Hand- und Spanndienste geleistet werden. Die Kästorfer waren zuständig für die Strecke von 85 Ruthen (400 m) durch ihr Dorf und 390 Ruthen (1,8 km) im Moor hinter dem Dorf in Richtung Norden.


Neuanfang nach französischer Besetzung (1803-1866)

Die Zeit der französischen Besetzung (1803 – 1813) unterbrach diese aufstrebenden Entwicklungen. Nach der Aufteilung Preußens gehörte das Amt Gifhorn zum Königreich Westfalen unter französischer Regentschaft und Verwaltung. Die Bevölkerung litt wieder einmal unter den hohen Abgaben. Die Rekrutierung eines 60.000 Mann- Heeres für Napoleon bedeutete den Verlust von Arbeitskräften besonders in der Landwirtschaft, da die Männer in den Heeresdienst gepresst wurden. Nachdem Napoleon den Russlandfeldzug und die entscheidende Völkerschlacht bei Leipzig verloren hatte, zog er sich nach Frankreich zurück. Die Bevölkerung musste nach großen Leiden von vorn beginnen. Der Wiener Kongress 1815 gab Europa mit seinen inneren Grenzen ein neues Aussehen. Im Deutschen Bund wurde Hannover Königreich, es residierte eine „Allgemeine Ständeversammlung“, dem das „Zweikammersystem“ folgte, in dem der Adel und die Bürger und Bauern vertreten waren.

1840 wurde das Landesverfassungsgesetz erlassen und ermöglichte viele Reformen. Die bisher leibeigenen Bauern konnten sich freikaufen und wurden unabhängige Eigentümer ihrer Höfe. Zwanzig Bauern in Kästorf machten zwischen 1843 und 53 davon Gebrauch, viele mit Aufnahme von Krediten. Die Steuern, wie die Grundsteuer, Häusersteuer, Personensteuer und Einkommensteuer wurden 1859 geregelt. Die Aufhebung der Gemeinheiten mit Gamsen und Wilsche, die Anlegung neuer Feldwege und Verkoppelung der Feldmarken zwischen Gamsen und Kästorf wurden 1863 abgeschlossen. Die Realgemeinden wurden in Realverbände gegliedert. Zu dieser Zeit zählte Kästorf 312 Einwohner. Der Zuwachs erklärt sich aus der Ortserweiterung nach Norden.


Wirtschaftlicher Aufschwung unter preußischer Vorherrschaft (1866-1914)

Der Sieg 1866 gegen die Österreicher und die verbündeten Hannoveraner brachte Preußen die Vorherrschaft in Deutschland. Ein wirtschaftlicher Aufschwung begann, der sich nach dem Krieg gegen Frankreich 1870/71 im neuen Deutschen Kaiserreich mit Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Bismarck fortsetzte. Die neue Reichsverfassung, nach Vorlage der Verfassung des Norddeutschen Bundes, brachte viele einschneidende Verwaltungsreformen. (Siehe Bericht über die Gemeindeverwaltungen.) Mit der Gründung der Arbeiterkolonie mit dem Stift Isenwald wuchs die Einwohnerzahl Kästorfs ständig. 1885 waren es schon 434 Personen, im Jahre 1905 dann 525 Personen.

Eine Posthilfsstelle mit Fernsprecher gab es seit 1906 bei Gastwirt Lüdde und später bei Kaufmann Bode. Erst 1935 wurde es Poststelle unter dem Posthalter R. Bode, Postdienst versah G. Bode. 1907 – 1910 wurden in Kästorf Teile der Gemeindewege gepfl astert. Dazu verschuldete sich die Gemeinde. Verkehrstechnisch von großer Bedeutung war der Bau der Eisenbahnlinie Gifhorn – Celle von 1908 – 1913 als Anbindung an die Strecke Braunschweig – Uelzen, durch die Gemarkung Gamsen und der Bau des Bahnhofs Gamsen/Kästorf.


Zwei Weltkriege (1914-1945)

Der erste Weltkrieg 1914 – 1918, mit der anfänglichen Siegeszuversicht und der nationalen Begeisterung, wirkte sich verheerend auf die Versorgung der Bevölkerung, besonders in den Städten, aus. Eine feindliche Besetzung wie in den vorherigen Kriegen blieb aber aus. Dafür mussten viele Kriegsgefangenen mit versorgt werden und es fehlten wieder eingezogene Männer in der Landwirtschaft. Nach dem verlorenen Krieg wurden lt. Friedensvertrag der Siegermächte viele landwirtschaftliche Maschinen und auch Vieh abgegeben. Während des Krieges im Sommer 1915, brannte in einem Großflächenfeuer auch die Kästorfer Gemeindeforst nieder, die erst 1926/27 wieder aufgeforstet wurde. 1917 herrschte eine Dürre mit katastrophalen Folgen für die Ernte. In diesem Jahr wurde auch die Schulglocke von 1861 abgegeben und eingeschmolzen. Noch im gleichen Jahr ersetzte man sie durch eine Eisenglocke.

Der Kästorfer Gefallenen gedachte man am 1. Ostertag 1922 in einer Gedenkstunde am alten Ehrenmal, wo man eine Gedenktafel mit den Namen feierlich enthüllte.

Die Weimarer Republik mit Reichspräsident Ebert schuf 1919 eine neue Verfassung, doch schwierige politische Verhältnisse (Vielparteienlandschaft) und die hohen Reparationskosten ließen Deutschland in eine Inflation gleiten. Durch die Umrechnung auf die Goldmark 1923 verloren viele ihre Ersparnisse und auch ihre Altersversorgung. Die Einführung der Rentenmark war Grundlage für eine neue stabile Währung.

Am 30.9.1920 brannte in Kästorf das erste Mal elektrisches Licht.

Eine Zusammenlegung der Gemeinden Kästorf und Gamsen wurde von dem Kästorfer Gemeindeausschuss 1928 einstimmig abgelehnt.

Die Wirtschaft in Deutschland und anderen Industriestaaten blühte Mitte der 20er Jahre stark auf, doch durch eine allmähliche Überproduktion, die zu einer weltweiten Absatzkrise führte, brach 1928 die Weltwirtschaft zusammen. Die Arbeitslosenzahlen stiegen bis auf 6 Millionen.

Durch einen Wahlsieg der NSDAP, erklärbar durch die schlechte Wirtschaftslage, konnte Hitler 1933 legal die Macht ergreifen, wenn auch mit Druck und mittels politischer Intrigen. Der wirtschaftliche Aufschwung ab 1933 wurde durch umfangreiche Arbeits-beschaffungsmaßnahmen, auch für die Rüstung erreicht, doch führte letztlich alles zum zweiten Weltkrieg 1939. Dieser endete 1945 durch eine starke alliierte Offensive, begleitet von Bombardements deutscher Großstädte mit Millionen Opfern. Es begann nach dem Sieg der Alliierten die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten, der Tschechei und Ungarn, und auch Kästorf, das keine Kriegsschäden aufwies, musste viele Flüchtlinge aufnehmen. War die Bevölkerungszahl 1933 mit 725 Einwohnern angegeben, waren es 1950 1249 Einwohner, davon 594 Vertriebene.


Kästorf dehnt sich aus (1945-1961)

Mit dem Kriegsende quartierten sich zuerst Amerikaner, dann Engländer in Kästorf ein. Sie waren als Sieger und Besatzer die oberste Behörde der wieder eingesetzten deutschen Zivilverwaltung, unserer Gemeindeverwaltung. Heinrich Soltendieck wurde für ein Jahr Bürgermeister. Nach der Wahl 1947 übernahm Jakob Büchel das Bürgermeisteramt und später auch das Amt des Gemeindedirektors. Er war der richtige Mann für dieses „Doppelamt“ in dieser schweren Zeit des Neuaufbaus, in die auch die Währungsreform fi el. 21 Jahre sollte Jakob Büchel an der Spitze der Gemeindeverwaltung stehen und diese mit Geschick und Erfolg führen. Da Kästorf eine steuerarme Gemeinde war, musste sehr sparsam gewirtschaftet werden.

Noch im Kriege wurde der Kästorfer Friedhof angelegt. Aber erst 1953 konnte die Friedhofskapelle mit Gedenktafeln zu Ehren der Gefallenen und Vermissten eingeweiht werden. Großzügige Geld- und Materialspenden der Kästorfer Bürger ermöglichten den Bau dieser kleinen Kapelle.

Durch die Einbürgerung vieler Vertriebener und Flüchtlinge herrschte großer Wohnraummangel, allerdings waren durch die Zahlungen des Lastenausgleichs viele Empfänger dieser Gelder bauwillig. Es fehlte aber an Bauland. Ausgewiesen wurde 1949 das Baugebiet „Gemeindeforst“ und später die Baugebietsreserve „Auf dem Berge“. Diese Gebiete wurden die ersten Abschnitte der planmäßigen Ortserweiterung. Die Festlegung der Trasse der Umgehungsstrasse ermöglichte 1966 eine Erweiterung des Baugebietes nach Westen. Nach dem Gebietsaustausch zwischen Kästorf und Gamsen entstanden auch die Baugebiete „Berghoop“ und „Am Masthoop“ ab 1959. Dann folgten „Wilscher Straße“ und „Zur Silbereiche“. Auf der Ostseite Kästorfs wurden zwei kleinere Gebiete bebaut: „Meisenweg“ und „Sonnenstrasse“. In allen Gebieten baute man die dazugehörigen Innerortsstraßen mit Wasserund Kanalisationsleitungen. Am Waldweg wurde 1965 gebaut.


Ein Dorfgemeinschaftshaus für Kästorf (1961-1974)

Am 28.10.1961 beschloss der Gemeinderat den Bau eines Gemeindehauses. Das Haus sollte für Versammlungen, kulturelle Veranstaltungen und zur Jugendpfl ege genutzt werden. Die Gemeinde zählte nun über 1400 Einwohner. Sie brachte für dieses Zentrum 40 % an Eigenmitteln auf, weit über 100.000 DM. 1964 wurde das neue Dorfgemeinschaftshaus feierlich übergeben. Dabei weihte man auch die Fahne Kästorfs. Das Dorfgemeinschaftshaus wurde viel genutzt, für öffentliche Veranstaltungen wie auch für private Feiern. Es erwies sich bald als zu klein, denn 1971 wohnten in Kästorf schon 1956 Bürger. 1972 veranlasste daher Bürgermeister Heinrich Müller, im Amt seit 1968, einen Erweiterungsbau. Das neu gestaltete Dorfgemeinschaftshaus war nun ein echtes Schmuckstück und wurde allen Anforderungen gerecht.

Die Beteiligung an dem Bau des Kindergartens Gamsen/Kästorf, in der Nähe der Gamsener Kirche wurde mit einem Drittel Kostenanteil beschlossen und verwirklicht. Die Einweihung fand Ende 1973 statt.

Die Strassen in Kästorf, ab 1953 nach und nach ausgebaut und mit Beleuchtung versehen, wurden lt. Beschluss von 1966 mit Namen versehen und nummeriert. Die fortlaufende Nummerierung der Häuser im wachsenden Dorf war nicht mehr praktikabel.

Die Eingemeindung der selbständigen Gemeinde Kästorf bedeutete 1974 die Zugehörigkeit zur Stadt Gifhorn als Ortsteil, mit einem Gemeinderat, der seine Mitgliedervertretung in den Stadtrat entsandte. Das Eigentum der Gemeinde, mit Mühe und großen Eigenleistungen über die Jahre geschaffen, fi el an die Stadt und wurde nun von dieser verwaltet.

 (Werner Ulmcke)   


Kästorf nach der Eingemeindung (ab 1974)

Am 1. März 1974 wurde die selbständige Gemeinde Kästorf im Zuge der Gebiets- und Verwaltungsreform zum Ortsteil der Stadt Gifhorn. Die Verwaltungsaufgaben übernahm die Stadtverwaltung, die kommunalpolitische Vertretung der Ortsrat mit dem Ortsbürgermeister als Repräsentanten. Künftig konnte der Ortsrat bei Haushaltsberatungen und Investitionsplanungen nur noch empfehlen und nicht mehr eigenständig entscheiden. Trotz gewisser Anlaufschwierigkeiten blieben die Uhren in Kästorf nicht stehen, vielmehr setzte sich die positive Entwicklung der Ortschaft bis auf den heutigen Tag fort. Äußeres Zeichen dafür ist auch die Einwohnerentwicklung. Waren es bei der Eingemeindung im Jahr 1974 noch 1900 Einwohner, so ist diese Zahl bis zum Jahr 2002 auf 3300 Einwohner angewachsen.

Damit einhergehend war eine rege Bautätigkeit in mehreren neuen Baugebieten mit überwiegendem Eigenheimbau zu verzeichnen. Lediglich im Bereich Silbereiche kam es vermehrt zu Mietwohnungsbau.

Neue Baugebiete in Kästorf entstanden seit 1974 in folgenden Bereichen: Zum Isetal, Heidgarten, Westring, Zur Lehmkuhle, Im Freibüschen, Am Breiten Block, Am Kuhlenberg, Jakob-Büchel- Straße. Alle Baugebiete sind voll erschlossen, d. h. Be- und Entwässerung, Elektrizität und Gas, Telefon- und Kabelanschluss sind vorhanden. Selbstverständlich sind alle Straßen ausgebaut. Kinderspielplätze und verkehrsberuhigte Zonen wurden ebenfalls eingerichtet. Eine Straßenbeleuchtung ist durchgehend vorhanden. Wachsende Einwohnerzahlen und rege Bautätigkeit erforderten weiterhin öffentliche Infrastrukturmaßnahmen.


Eigenständige Schule und Kindergarten

Die Kästorfer Schule, seinerzeit zur Wilhelm- Busch-Schule Gamsen gehörend, wurde um vier allgemeine Klassenräume und entsprechende Funktionsräume erweitert. Nicht ganz einfach war die Wiedererlangung der Eigenständigkeit am Standort Kästorf. Langwierige Verhandlungen – mit teilweise kräftigen und deutlichen Worten – führten dann doch zum Erfolg. Kästorf hatte wieder eine eigenständige Schule.

Mitte der 90er Jahre begannen die Planungen für einen eigenständigen Kindergarten in Kästorf. Es entstand ein Neubau im Silbereichegebiet mit 100 Kindergartenplätzen in vier Gruppenräumen mit entsprechenden Funktionsräumen. Das Gebäude wurde in umweltverträglicher Holzbauweise errichtet und gilt als Pilotprojekt in der Stadt. Die Trägerschaft für diesen Kindergarten übernahm die Epiphanias-Kirchengemeinde.

Auch bei den Sportanlagen tat sich etwas. Nunmehr drei Rasenplätze, einer davon mit Flutlicht ausgestattet, dazu ein Kleinspielfeld stehen den SSV Kästorf zur Verfügung. Altes und neues Sportheim wurden renoviert, teilweise erweitert und somit den heutigen Erfordernissen angepasst. Ebenfalls vorhanden sind drei Tennisplätze mit vereinseigenem Clubhaus.

Das Dorfgemeinschaftshaus erhielt einen neuen Thekenraum und teilweise Parkettfußboden. Unterhaltungs- und Verschönerungs-maßnahmen erfolgen regelmäßig, ebenso die Aufstockung und Ergänzung von Inventar.

Das Feuerwehrgerätehaus wurde erweitert, neue Löschfahrzeuge angeschafft, das ehemalige Kalthaus der Feuerwehr übertragen und feuerwehrtechnisch umgebaut und eingerichtet.

Das Investitionsvolumen der öffentlichen Hand, seit der Eingemeindung im Jahr 1974 für die Ortschaft Kästorf, ist enorm. Mehr als 16 Millionen Euro wurden für Infrastrukturmaßnahmen bereitgestellt.


Gemeinsam Leben in Kästorf

Viele Menschen kamen seit 1974 nach Kästorf und fanden hier eine neue Heimat, darunter zahlreiche Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Gerade für diese Neubürger ist die Eingewöhnung in den neuen Lebensraum nicht einfach. Brauchtum und Traditionsbewusstsein ist unterschiedlich, eine Umstellung auf Sitten und Bräuche der neuen Heimat nicht einfach und sofort machbar. Alt- und Neubürger müssen zusammen finden und gemeinsame Interessenausgleiche entwickeln.

Dafür gibt es in Kästorf sehr viele Möglichkeiten. Für jüngere Neubürger sind das zunächst die Kästorfer Vereine. Das Vereinsangebot ist vielfältig. Sportverein, Feuerwehr, Schützenverein aber auch die Schützengesellschaft freuen sich auf junge, aktive Mitglieder.

Für die ältere Generation und Familien kommen Kleingärtner Verein, Siedlerbund, Deutsches Rotes Kreuz, Sozialverband oder Club Frohsinn eher als Ansprechpartner in Frage.

Die Pflege von Tradition und Brauchtum, aber auch die Heimatverbundenheit fordern zum Mitmachen auf. Kästorfer Traditionsfeste wie Schützenfest und Erntefest, in diesem Jahr natürlich die Jubiläumsfeier „850 Jahre Kästorf“ sind Garanten für ein gutes Miteinander. Hier lernt man sich kennen, hier knüpft man neue Freundschaften.

Neu aufgenommen in den Kreis der Veranstaltungen ist in diesem Jahr das erstmalige Aufstellen eines Maibaumes am alten Kriegerdenkmal an der Wahrenholzer Straße.


Ausblicke

Nach der ersten urkundlichen Erwähnung wird Kästorf in diesem Jahr 850 Jahre alt. Dieses Jubiläum berechtigt zu Stolz und Freude. Generationen haben auf die Entwicklung des Ortes Einfl uss genommen. Im Laufe der Zeit mussten einschneidende Veränderungen auf politischem, wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Bereich hingenommen und verarbeitet werden. In guten wie in schlechten Zeiten mussten Kästorfer sich immer wieder neu behaupten. Kästorf und die Kästorfer haben alle Aufgaben und Herausforderungen angenommen und bewältigt. Dieses verpfl ichtet für die Zukunft.

850 Jahre Kästorf verleiten dazu, noch einmal zurück in die Vergangenheit zu blicken. Es ist aber gleichzeitig Herausforderung für die Aufgaben der Zukunft. Ein intaktes Gemeinwesen mit einer guten Dorfgemeinschaft, sichere Arbeitsplätze, gute Wohnmöglichkeiten und ein rühriges Vereinsleben sind Garanten für ein liebens- und lebenswertes Kästorf.

Dieses Jubiläum darf keinen Abschluss bilden, sondern nur eine Teilstrecke markieren, auf einem noch langen und hoffentlich weiterhin erfolgreichen und glücklichen Weg. Friede auf Erden und Gottes Segen sind Wünsche für Kästorf, seine Bürgerinnen und Bürger.

(Günter Düsterhöft)